
Auch dieses wehrhaft gestaltete Rotkäppchen – Westernlook mit einem Hauch Superman – muss Kuchen zur Großmutter bringen und durch den Wald geht der Weg auch hier. Sehr, sehr hohe Bäume, das passt Rotkäppchen nicht. „Ähh … entschuldigen Sie, Frau Bournay, könnten Sie mich bitte größer zeichnen? Man sieht ja gar nichts!“ Gefragt, Wunsch erfüllt! „Na gut, eiverstanden. Ich mach dich gleich größer, Rotkäppchen.“
Frau Bournay hat allerdings nicht mit dem Wolf gerechnet, welcher (schon im Bild zu sehen) sogleich auf das nun entstandene Missverhältnis zwischen ihm und Rotkäppchen hinweist. „Meine Güte, der Wolf! Entschuldige, ich hab‘ dich übersehen. Ich mach dich gleich größer“. Tja, für beide zusammen in Groß wird es auf der Buchseite ganz schön eng!
Hin und her geht das, immer neue Wünsche, die nur noch mit Zoom auf Körperteile erfüllt werden können. „Denken Sie bitte einen Augenblick nach! Wie sollen die Kinder diese Zeichnung verstehen?!“ Die Zeichnerin vergewissert sich … aber eigentlich hat sie keine Lust mehr. Ist ja auch ziemlich egal, denn die Geschichte kennt ja sowieso jedes Kind. Also „räumt sie auf“. Jetzt nur noch Farben: rot für Rotkäppchen, braun für den Wolf, gelb für den Kuchen und grün für den Wald.
Geht diese bildnerische Entscheidung auf? Nur begrenzt, meine ich. Die Künstlerin selbst traut dem Ergebnis nicht ganz, indem sie jede weitere Seite mit einem (erklärenden) Text begleitet. „Da habe ich jetzt ganz viel Rot verwendet. Ihr wisst wohl, warum?“ Die Frage ist rhetorisch – es folgt in Klammern („mampf, mampf, die Großmutter“). Auch das ganz ruhige Schlussbild mit sanft ausgestrichenen Farbflächen in Rot, Gelb und Blau gibt die Künstlerin nicht für eine freie Assoziation oder Interpretation her.
Das und dazu die flüchtige und unbestimmte Pinselführung sind m. E. eher ein Mangel.Trotzdem sind die Bilder anregend! Leser:innen sehen „abstrakte Malerei“ als Möglichkeit des Ausdrucks. Die Bilder entwickeln sich von ganz bestimmter Figürlichkeit über die durch Zoomen unbestimmte Zuordnung der Farbe zu etwas Bestimmten (einem Körperteil etwa) bis zur Darstellung von etwas Bestimmten durch Farbflächen. Das kann man selbst ausprobieren – wie hier mit einer bekannten Handlung als Grundlage, aber auch frei mit Farben und ihrer Wirkung zueinander und im Raum.
