Drei Bücher werden zusammen/nebeneinandergestellt, die ihren Leser:innen zeigen, wie sie „gemacht“ wurden – allerdings unterscheidet sich das „wie“ sehr!
Das erste erklärt in einem bildlichen und einem textlichen Nach-Wort: So geht das (handwerklich), was ihr in diesem Buch gesehen und gelesen habt, verbunden mit der Botschaft: das kannst du vielleicht nachmachen! Das zweite entwickelt sich vor den Augen der Leser:innen vom Arbeitstisch der Künstlerin aus ins Bild und in eine Geschichte hinein. Hier ist die Botschaft: schau, so habe ich dieses Buch gemacht. Das dritte stellt eine erste Begegnung mit abstrakten Bildelementen dar – aus der Figürlichkeit eines bekannten Märchens heraus entwickelt.
Schlich ein Puma in den Tag

Ein großes schwarzes Buch liegt vor der Leser:in. Bei genauerem Hinsehen sind im Schwarz Strukturen erkennbar, schemenhaft ein Tier (Katzen) - Kopf. Ein Auge schaut nach draußen: herausgearbeitet aus dem Schwarz, herausgekratzt. Da ist wohl der Puma verborgen. Wie schleicht er nun aber in den Tag? Zwei Mal! Das erste Mal entsteht sein Kopf schrittweise auf einer leeren Seite mit farbiger Ölkreide. Schrittweise heißt umblättern und ein Stück mehr zu sehen bekommen.
Ist er fertig, liegt auf der folgenden Seite eine Schicht weißer Kreide darüber, vielleicht auch zwei Schichten. Danach verschwindet er „aus dem Tag“ in die Nacht, indem über dem Weiß alles entlang der Konturen und Farbflächen mit schwarzer Kreide übermalt wird. Per Sgraffito-Technik, mit spitzem Kratz-Werkzeug, „schleicht“ der Puma jetzt Seite für Seite wieder in den Tag, bis er in voller Schönheit vor dem Schwarz des Hintergrundes leuchtet!
Parallel vollzieht die Text-Künstlerin den Prozess des Zu-Tage-Schleichens des Pumas (und später auch den eines Frosches, eines Kugelfisches, einer Echse, einer Eule) mit poetischen Worten:
Schlich ein Puma in den Tag
regte sich
bewegte sich
………………….
schritt leise
pfotenweise
………………….
erst ein Auge
dann das zweite
…………………..
weiter, weiter
…………………..
Seit‘ an Seite
mit dem Morgen
der so neu
…………………..
schlich ein Puma
ich, ein Puma
……………………
schlich ein Puma
in den Tag
Zusammen mit der weiträumigen und so klug farbig durchdachten Buchgestaltung von Franziska Walther haben Verena Pavoni und Lena Raubaum ein wunderbares Buch zum Schauen und Gedichte-Lesen für alle geschaffen!
Ein zusätzlicher Clou: die Künstlerinnen erklären sowohl die Sgraffito-Technik als auch mögliches Handwerkzeug fürs Gedichte-Schreiben auf den letzten Seiten. Das ist hilfreich, weil sehr übersichtlich, auch wenn vorher schon viel vom „wie“ zu sehen war.
Beim Ausprobieren (Nachvollziehen) stellt sich heraus, dass es gar nicht einfach ist, mit schwarzer Ölkreide genauere Konturen zu malen und diese in der schwarzen Schicht sichtbar, bzw. erahnbar zu halten. Das ist nämlich eigentlich eine Voraussetzung für das Herauskratzen an den richtigen Stellen, jedenfalls dann, wenn ein konkretes Motiv und nicht nur einfach Farbflächen unter dem Schwarz verborgen liegen. Also Üben und Kreiden ausprobieren! Und einen erstaunlichen Effekt ausnutzen: fotografiert bekommt das herausgekratzte Motiv eine erstaunliche Brillanz!
Johanna im Zug

Hier beginnt alles schon mit dem Buchumschlag: ein kleines Schwein mit Koffer wird gleich durch eine offene Zugtür ins Abteil einsteigen, wohl die im Titel genannte Johanna. Das Vorsatzblatt allerdings wirft uns zurück. Kein Zug, kein Schwein – aber der Arbeitstisch der Künstlerin. Stifte, Farben in Gläsern, Pinsel, Schere, ein Telefon, ein Radio, Bücher (Frisch, Dürrenmatt, die Künstlerin lebt in der Schweiz …) und ein leerer Bogen Papier. Die Leserin schaut der Künstlerin über die Schulter, schaut auf deren Hände, die, wie alles andere, skizzenhaft mit Bleistift gezeichnet sind. Sie setzt gerade den Stift auf!
Die Titelei zeigt einen Zug auf dem Blatt Papier, „Johanna im Zug“ ist da wieder zu lesen. Erst auf der nächsten Seite ist der Zug besetzt: eine Ziege, ein Hund, eine Kuh. Im 4. Abteil sitzt endlich das kleine Schwein. „Armes Schwein, sitzt ganz allein, im Zug nach kein – keine Ahnung, wohin!
Im folgenden Dialog (per Text) tritt das kleine Schwein sehr selbstbewusst auf. Eine Differenzierung der Hautfarbe bitteschön, ein Hemd, Mitfahrer:innen, aber nicht zu groß, nicht zu unheimlich, bitteschön. Ganz schnell geht der Dialog, denn mithilfe von Drittelseiten, die rasch umgeblättert werden können, ist fix eine Veränderung in eine gewünschte (oder unerwünschte) Richtung möglich. Ja – und dann wird die Künstlerin „entlassen“, das heißt, die handelnden Figuren wollen allein weiter machen! Man reicht ihr ein neues Papier …
Auf dem hinteren Vorsatzblatt liegt „Johanna im Zug“ fertig auf dem Arbeitstisch, auf dem neuen Papierbogen entsteht gerade ein Schiff.
Schön, wie die Künstlerin mit diesem Buch sichtbar macht, dass nicht nur eine Anfangs-Idee, sondern auch das gefundene/erfundene Personal eine Handlung vorwärtstreibt, ist es erst einmal, wie hier, auf dem Blatt. Schön auch, zu sehen, wie aus einer noch skizzenhaften Zeichnung eine in Farbe ausgearbeitete Figur entwickelt wird. Und dass die Endgültigkeit für eine Darstellung – so bleibt das jetzt – immer eine Entscheidung fordert.
Rotkäppchen, der Wolf und die Zeichnerin

Auch dieses wehrhaft gestaltete Rotkäppchen – Westernlook mit einem Hauch Superman – muss Kuchen zur Großmutter bringen und durch den Wald geht der Weg auch hier. Sehr, sehr hohe Bäume, das passt Rotkäppchen nicht. „Ähh … entschuldigen Sie, Frau Bournay, könnten Sie mich bitte größer zeichnen? Man sieht ja gar nichts!“ Gefragt, Wunsch erfüllt! „Na gut, eiverstanden. Ich mach dich gleich größer, Rotkäppchen.“
Frau Bournay hat allerdings nicht mit dem Wolf gerechnet, welcher (schon im Bild zu sehen) sogleich auf das nun entstandene Missverhältnis zwischen ihm und Rotkäppchen hinweist. „Meine Güte, der Wolf! Entschuldige, ich hab‘ dich übersehen. Ich mach dich gleich größer“. Tja, für beide zusammen in Groß wird es auf der Buchseite ganz schön eng!
Hin und her geht das, immer neue Wünsche, die nur noch mit Zoom auf Körperteile erfüllt werden können. „Denken Sie bitte einen Augenblick nach! Wie sollen die Kinder diese Zeichnung verstehen?!“ Die Zeichnerin vergewissert sich … aber eigentlich hat sie keine Lust mehr. Ist ja auch ziemlich egal, denn die Geschichte kennt ja sowieso jedes Kind. Also „räumt sie auf“. Jetzt nur noch Farben: rot für Rotkäppchen, braun für den Wolf, gelb für den Kuchen und grün für den Wald.
Geht diese bildnerische Entscheidung auf? Nur begrenzt, meine ich. Die Künstlerin selbst traut dem Ergebnis nicht ganz, indem sie jede weitere Seite mit einem (erklärenden) Text begleitet. „Da habe ich jetzt ganz viel Rot verwendet. Ihr wisst wohl, warum?“ Die Frage ist rhetorisch – es folgt in Klammern („mampf, mampf, die Großmutter“). Auch das ganz ruhige Schlussbild mit sanft ausgestrichenen Farbflächen in Rot, Gelb und Blau gibt die Künstlerin nicht für eine freie Assoziation oder Interpretation her.
Das und dazu die flüchtige und unbestimmte Pinselführung sind m. E. eher ein Mangel.Trotzdem sind die Bilder anregend! Leser:innen sehen „abstrakte Malerei“ als Möglichkeit des Ausdrucks. Die Bilder entwickeln sich von ganz bestimmter Figürlichkeit über die durch Zoomen unbestimmte Zuordnung der Farbe zu etwas Bestimmten (einem Körperteil etwa) bis zur Darstellung von etwas Bestimmten durch Farbflächen. Das kann man selbst ausprobieren – wie hier mit einer bekannten Handlung als Grundlage, aber auch frei mit Farben und ihrer Wirkung zueinander und im Raum.
