Steine Ganz schön genial

Buchcover Steine ganz schön genial

Der Titel gibt schon einen Hinweis, denn: ist nicht „genial sein“ etwas, das zum Leben gehört, und sind nicht Steine – tot? Ja, schon, aber hier kommen trotzdem 30 Stein-Persönlichkeiten zu Wort! Mit dem „Leben“, das sie hatten und haben, bevor jemand sie findet, in der Hand hält (oder auch besser nicht in der Hand hält), sie abbaut, schneidet, schleift, raspelt, ihre „Produkte“ verwendet, ihnen sogar heilende Kräfte zuschreibt. Allerdings ist es notwendig, in „Stein-Zeit“ zu denken, also in Millionen und Milliarden Jahren, außer bei Plastikkonglomesat, das kann auch in Jahrzehnten gedacht werden.
Ein Protagonist zu sein, eine literarische Hauptfigur, verhilft manchem Tier zu einer persönlichen Art von Lebendig-Sein – das funktioniert in diesem Buch auch für Steine.
Ein Beispiel: 
„Ein bisschen eingebildet ist er schon […] kein Luxushotel, kein Museum, kein Regierungsgebäude, das etwas auf sich hält, kommt ohne ihn aus. Wie auch! Seine ausgesuchte Farbpracht von weißwestenweiß […] bis edelschwarz! Und erst sein Glanz, sobald er poliert ist! […] Marmor bezeichnet ursprünglich gar nicht die weltberühmte Maserung, sondern heißt „ich glänze“ auf Altgriechisch. ‚Huch, der meint mich‘ denkt jeder selbstverliebte Herrscher, ‚ich glänze, ich‘! Und pflastert sich mit Marmor die Bude voll.“
Schließlich erfährt die Leserin, dass Marmor wie Marmorkuchen entstanden ist, wie auch sonst? Mit Back-Begriffen erzählt die Autorin dann von sich verschiebenden und abgeriebenen Gesteinsmassen, die, ordentlich durchmischt und gepresst, in der Tiefe bei 400 Grad „gebacken“, zu etwas Neuem werden. In diesem Fall zu einem Gestein, das gleichzeitig locker (luftig) und fest ist. „War mal: oller Sandstein. Ist jetzt: cooler Marmor!“ Natürlich geschieht das in "Stein-Zeit", in Jahrmillionen.
Direkt an die Leser:innen gewandt, schließt die Autorin das Marmor-Kapitel: „Meinetwegen kann sich der Marmor also gerne was einbilden. Darauf, dass seine Säulen auch nach Tausenden von Jahren noch immer wie eine Eins stehen? Nein! Darauf, dass man einen Kuchen nach ihm benannt hat! (Und sollte jemand deine Backergebnisse „Granit-Kekse“ getauft haben, so war das – verzeih die Offenheit – nicht als Kompliment gemeint!)

Ein wahrhaft ungewöhnlicher Ton für ein Sachbuch. Fast immer ist das vergnüglich zu lesen, und erstaunlicherweise hat der Text trotzdem wissenschaftliche Erkenntnisse, geologische Sachinformationen und offene Fragen parat, wie ein Info-Kasten mit Bildunterschrift das hätte. Wenn die Leser:innen das Buch von vorn beginnen, profitieren sie außerdem von Rückverweisen auf Aussagen, die schon vorher, bei anderen Stein-Lebensgeschichten, wichtig waren, man weiß da schon was in diesem doch anspruchvollen Metier! (Das kann natürlich auch zurück nachgeschlagen werden ...)
Apropos Bildunterschriften: die gibt es nicht, aber glücklicherweise Bilder von den Stein-„Persönlichkeiten“. Nicht nur glücklicherweise, sondern auch glücklich machend: fein gemalt, gekreidet, gestrichelt, auch collagiert bekommen wir die Steine zu Gesicht. Keiner wie der andere, in zarter Farbigkeit und Farbabstufung oder basalt-grau, mit feinen und gröberen Binnenzeichnungen. Grüne Töne, orangige, goldene, rosa und braune Töne. Wie ausführlich muss die Künstlerin die Steine studiert haben! Dazu kommen noch ganzseitige Tafeln von Gesteinsschichten, Meeresboden und Wasserschichtungen. Großartig die Doppelseite mit der Darstellung der „schwarzen Raucher“ in der Tiefsee! („Schwarze Raucher“ hocken in finsterster Dunkelheit und verschwiegener Klammheimlichkeit ganz unten am Meeresboden“) Assoziative, nicht-steinische Vignetten schaffen eine weitere Bildebene, die sich in anderer Weise auf den Text bezieht.
Insgesamt ist „Steine – ganz schön genial“ eine Augenweide, die schon beim Aufschlagen des Buches auf dem Vorsatzpapier beginnt. Ein Buch zum Schauen, Staunen, Lesen und Vorlesen, ein Anreiz für einen neuen Blick auf Steine.

Stepha Quitterer, Lina Seybold
Steine Ganz schön genial!
Illustration: 
Linda Wolfsgruber
Gerstenberg Verlag
118 Seiten
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