
Eine geschätzte Institution wird aufgegeben, eine immer fruchtbar erschienene Zusammenarbeit endet. Die ZEIT und Radio Bremen stellen den monatlich verliehenen Preis für Kinder- und Jugendliteratur in allen Sparten, den LUCHS, ein. Nicht zuletzt verschwindet das vertraute Preis-Emblem, der von F.K.Waechter gezeichnete Luchs. Mit spitzen Zähnen und funkelnden Augen präsentierte er bildlich jeden Monat das Preisbuch.
Hm - die ZEIT will einen neuen Kinder-und Jugendbuchpreis etablieren und diesen „mit den Angeboten rund um die Kindermarke LEO verschränken“, zum Beispiel soll eine Kinder-Jury eine eigene Buchentscheidung bepreisen. Was daraus über eine Marktstrategie hinaus wird – mal schauen. Weitere Informationen soll es Anfang April 2026 geben. Kathrin Hörnlein, verantwortliche Redakteurin für junge Leser:innen bei der ZEIT, freut sich.
Bevor das neu konzipiert und umgesetzt ist, wird ein letztes Mal der Jahres-LUCHS vergeben, gewählt von der ZEIT und Radio Bremen aus den zwölf Monats-LUCHSEN des Jahres 2025. Um dieses Buch soll es jetzt gehen.

Der Sternsee
Ort der Handlung: eine Hochhaussiedlung, in deren Mitte ein See angelegt wurde. „Es war kein runder See. Wenn man ihn von oben sah, bei Anastasia im 11. Stock, sah er ein bisschen aus wie ein Stern, mit kurzen und langen Zacken.“
Anastasias Wohnblock ist der gelbe mit grünen Streifen, dort wohnen auch Sissi, Mo und die namenlose Ich-Erzählerstimme. Was sie den ganzen Tag machen? Schule natürlich und danach alles Mögliche und Abhängen am See, was heißt, auf einer Bank sitzen und reden. Da sitzen auch Männer mit Bierflaschen, da ist der Kiosk, da sind die Enten und der Reiher, Ratten auch. Im Sommer kommen Leute von außerhalb, die Picknick am See machen, wohl, weil sie selbst keinen haben.
Der Sternsee ist das Besondere in der Siedlung. Die Ich-Erzählerstimme mag ihn, die Enten (unsere Enten), den Reiher (unseren Reiher). Vor allem mag sie Mo, Sissi und Anastasia. Sie gehören alle hierher, obwohl: Sissi meint, man könne auch woanders hingehören, vielleicht sogar nach Indien.
Im Januar wird es kalt, kälter als kalt, so dass der See zufriert. So wie früher immer, sagen die Alten. Keins der Kinder hatte schonmal in echt einen zugefrorenen See gesehen. „Wir gingen überall hin, in alle Sternseezacken und sahen auf unseren Wohnblock“.
Der Frühling kommt, dann der Sommer – das Eis auf dem See aber taut selbst bei Freibad-Temperaturen nicht auf! Jede Menge Leute wollen das sehen, das Fernsehen kommt, Pizza und Döner werden verkauft, die Kinder interviewt, „unsere Gegend wurde weltberühmt“. Alle vermuten und diskutieren. Wer oder was ist „schuld“? Eine drohende Eiszeit? Der Klimawandel? Ein Monster im See? Der liebe Gott? Und schließlich wird es fast normal, im Sommer einen zugefrorenen See zu haben.
Anastasia bemerkt es zuerst, ein merkwürdiges Kratzen im Eis. Dann, im Herbst, passiert es plötzlich. Das Eis bricht und schmilzt. Die „magische Grenze“ zwischen Eis auf dem See und grünem Gras am Ufer verschwimmt …
Natürlich stellen auch die Leser:innen Vermutungen an, was es mit dem Eis auf sich hat. Es dauert einen Sommer, an dessen Ende mit der Schmelze kleine Verschiebungen sichtbar werden. Der Reiher hat glattes Gefieder bekommen. Anastasia spricht drei Sätze am Stück, als wäre „ein Eis gebrochen“. Die Ich-Erzählerstimme hat eine Verabredung zu zweit mit Sissi. Ein Sommer, der nicht die Freundschaft der vier Kinder auf die Probe stellt, ganz und gar nicht. Dennoch deutet er an, dass man auf andere Weise als bisher dazugehören kann, oder möglicherweise sogar woanders dazugehören kann.
Jens Rassmus bebildert diesen novellenkurzen Kinderroman. Er zeigt, was erzählt wird, auch im Bild. Ihm gelingt es, mit sparsam grau-blau und grau kolorierten Zeichnungen jene traumhafte, poetische, wie kurz angehaltene Atmosphäre dieses erzählten Sommers einzufangen. Locker und leicht lassen sich die vier Protagonist:innen in den Bildern wiederfinden – Anastasia, Mo, Sissi und die Mädchen-wie-Junge-Erscheinung der Erzählstimme. Das ganzseitige Bild eines Reihers mit majestätisch ausgebreiteten Schwingen mag ein Symbol für die leise Bewegung, den leisen Aufbruch ins Jugendlich-Sein darstellen, die im Text schwingen.
Ein würdiges Preisbuch für den letzten LUCHS!
